LGBTQIA* als Label für Bücher?

Gestern hat Steffi von Fieberherz auf Twitter nach Artikelempfehlungen gefragt, die sich mit dem Zusatzlabel „LGBTQIA*“ für Romancebücher auseinandersetzen. Ich habe den Tweet gesehen und mein erster Gedanke war: „Wenn es noch keinen gibt, schreib ich den!“

Und da sind wir nun.

Bisher kenne ich es hauptsächlich aus dem Romancebereich, dass queere Bücher mit einem zusätzlichen Label versehen werden (z.B. Queer Romance, Gay Romance, …), ganz selten noch bei Fantasy. Darüber hinaus ist es mir noch nie untergekommen, trotzdem möchte ich die Frage gern auf alle Genres beziehen.

Dazu folgendes vorab: Ich verwende hier „queer“ als Synonym für „die LGBTQIA*-Community betreffend“. Die beiden Begriffe werden jedoch auch getrennt voneinander genutzt und nicht alle Personen der LGBTQIA*-Community verwenden „queer“ als Selbstbezeichnung.


Was spricht also dafür, queere Bücher mit einem zusätzlichen Label zu zeichnen?

  • Die Sichtbarkeit wird erhöht

Eine explizite Kennzeichnung hebt ein Buch mit queerer Repräsentation von anderen, nicht-queeren Büchern ab und lenkt speziell noch einmal die Aufmerksamkeit darauf. Das Label fungiert als Reminder, dass queere Geschichten existieren und dass sie ebenso Teil der Literaturwelt sind.

  • Es ermöglicht eine gezieltere Suche

Bücher mit queerer Repräsentation sind aktuell, trotz aller positiver Entwicklung in den letzten Jahren, noch keine Selbstverständlichkeit. Ich kann nicht einfach in die nächste Buchhandlung gehen und ein Buch mit einer z.B. bisexuellen Protagonistin aus dem Regal ziehen, sondern muss gezielt danach suchen.

Dafür ist es hilfreich, wenn das Buch entsprechend gekennzeichnet ist, am besten auch spezifisch. Denn hinter LGBTQIA* verbirgt sich ein breites Spektrum von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten und wenn einfach nur „queer“ draufsteht, weiß ich immer noch nicht, ob nun Homosexualität, Genderfluidität oder trans Sein repräsentiert wird.

Das macht es Betroffenen und Interessierten einfacher, Bücher auswählen zu können, in denen eine bestimmte Repräsentation vorkommt. Außerdem wird es dadurch möglich, gezielt diverser zu lesen.

  • Es ermöglicht eine Übersicht, wo bereits Repräsentation stattfindet

Durch eine zusätzliche Kennzeichnung queerer Bücher wird es einfacher, sich einen Überblick zu verschaffen, in welchen Genres wie queer geschrieben wird und welche sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten noch unterrepräsentiert sind.

Und was spricht dagegen?

  • Bücher werden aufgeteilt in queer und nicht-queer

Durch ein zusätzliches Label findet eine Separierung von Büchern statt. Eine Geschichte ist nicht einfach eine Liebesgeschichte, sondern eine schwule Liebesgeschichte. Eine extra Kennzeichnung impliziert, dass Bücher mit queerer Repräsentation anders wären als Bücher ohne, auch wenn es in besagten Büchern nicht mal explizit ums Queersein geht. Das ist kontraproduktiv, wenn es darum geht, queere Repräsentation in Büchern zu normalisieren.

  • Bücher können leichter vermieden werden

Okay, das klingt böse. Natürlich darf man lesen, was man möchte und womit man sich identifizieren kann. Und ich unterstelle niemandem, absichtlich einen Bogen mit queerer Repräsentation zu machen.

Was ich meine, ist folgendes: Wenn Bücher explizit als LGBTQIA* gekennzeichnet werden, besteht die Gefahr, dass nicht-queere Menschen unterbewusst nicht danach greifen, weil sie befürchten, sich nicht darin wiederfinden zu können. Eine heterosexuelle Frau kauft dann vielleicht lieber ein Buch mit einem männlichen Love Interest statt einer lesbischen Liebesgeschichte, weil sie davon ausgeht, sich aufgrund der Sexualität nicht mit den Figuren identifizieren zu können. Dabei bieten Figuren ja auch über ihre Sexualitäten und/ oder Geschlechtsidentitäten Potential, sich mit ihnen zu identifizieren, sei es über Hobbys, Musikgeschmack oder weil Leserin und Protagonistin beide ständig mit ihrer Mutter streiten.

  • Es schränkt die Zielgruppe ein

Natürlich sind Bücher mit queerer Repräsentation vor allem für die LGBTQIA*-Community relevant. Andererseits impliziert ein Queer-Label, dass diese Bücher ausschließlich für queere Menschen da sind, und das stimmt ja nun so absolut gar nicht. Im Gegenteil.

  • Es vereinfacht Fetischisierung

Dieser Punkt betrifft vor allem Gay Romance. Und zwar die Gay Romance, die zumeist von Cis-Hetero-Frauen geschrieben wird und in der nicht eine authentische Liebesgeschichte im Vordergrund steht, sondern schwuler Sex. Teilweise wird sehr deutlich, dass die Männer in diesen Büchern nur der Befriedigung bestimmter Fantasien dienen und explizit von Frauen für Frauen geschrieben wurden. Das degradiert (in dem Fall) Schwule zu Sexobjekten und ist keine Repräsentation, sondern schadet der LGBTQIA*-Community.

  • „Queer“ wird vom Label zur eigenen Kategorie

Wenn, dann sollte „queer“ maximal als zusätzliche Kennzeichnung verwendet werden und keinesfalls als eigenes Genre. Es ist mir jedoch schon begegnet, dass unter „LGBTQIA*“ einfach alle Bücher (oder auch Filme/ Serien) zusammengefasst wurden, die irgendwie queere Figuren beinhaltet haben, unabhängig vom Genre. Das untergräbt jedoch die Tatsache, dass queere Figuren in jedem Genrevertreten sein können und sollten.


Mein Fazit

So sehr ich mir wünsche, dass diese Frage gar nicht mehr gestellt werden müsste, so sehr ist mir auch bewusst, dass wir gesellschaftlich noch nicht an dem Punkt sind. Daher glaube ich, dass für den Moment ein zusätzliches Label für queere Bücher hilfreich sein kann. Besonders gut finde ich hier die Lösung, die Netflix für die Kategorisierung von Serien und Filmen gefunden hat: Man kann nach „LGBTQIA*“ als Überbegriff suchen und bekommt dann eine Aufschlüsselung nach einzelnen Genres. Das löst zumindest eins der aufgeführten Kontraargumente.

Trotzdem sollten wir im Kopf behalten, dass das nur eine Übergangslösung ist und dass wir irgendwann dahin kommen sollten, dass wir solche Kennzeichnungen nicht mehr brauchen.

Wie seht ihr das?

PS: Alle aufgeführten Pro- und Kontraargumente sind meine persönliche Wahrnehmung und Meinung. Wenn ihr zu bestimmten Punkten anders denkt, lasst uns gern in den Kommentaren darüber diskutieren!

Beitragsbild: Tayla Kohler via Unsplash

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: